Nachdenklichkeiten, Welterklärungen

Boviste und Planeten. Der Streit um Gott.

Wer sich einmal unter Christenmenschen erkundigt hat, wer oder was Gott sei, wird vielleicht erstaunt über die Unterschiedlichkeit der Antworten gewesen sein.

„Die Liebe“, sagt der eine. „Das Prinzip des Guten“, meint der andere. „Ein allwaltender Geist der Barmherzigkeit“, ist wieder einer überzeugt. Und so weiter.

Sie kennen das wahrscheinlich. Nun, dann wissen Sie auch, daß die häufigste Antwort lautet: „Was Gott ist? Das kann man nicht sagen.“

Im Grunde ist damit schon viel von dem bewiesen, was ich im Folgenden ausführen möchte. Gott ist kein klares, einheitliches Ding oder Wesen oder Wirkprinzip; er liegt sozusagen, und lag wahrscheinlich immer schon seit er einzig ist, in chronisch dekonstruierter Form vor.

Die Vernünftigen unter den Theologen sind sich dieser Zersplittertheit Gottes natürlich bewußt; möglicherweise reden sie lieber von Vielgestalt als von Zersplitterung. Sebst innerhalb ihrer Zunft – gerade in der – wird wenig Einmütigkeit über Gott herrschen. Manche kehren diese Mißlage in ein Argument um und nehmen die Verschiedenheit der Gottesvorstellungen als Beleg, wie wenig das menschliche Denkvermögen Gott zu fassen vermag und wie überaus gewaltig Gott sein müsse, wenn selbst alle Menschenhirne zusammen genommen keine schlüssige Gestalt aus ihm gewinnen können.

Immerhin, soviel können wir den meisten Antworten entnehmen, daß es sich bei Gott um eine Art Limes handelt; Gott führt ein Prinzip oder ein Vermögen oder eine Art des Vorkommens an eine absolute Grenze. Meist ist es auch eine Grenze des Denkbaren. Zum Beispiel Gott sei der Anfang von allem, oder der Schöpfer von allem oder die absolute, reine Liebe. Vielleicht darf man daraus ableiten, daß Gott in jedem Fall die Denkbewegung, und sicher auch eine Fühlbewegung hin zu einem Absoluten ist und in der Regel auch dessen Verdinglichung.

Natürlich, Sie merken es schon, argumentiere ich wie ein Skeptiker. Man riecht den Atheisten. Es wird wohl daran liegen, dass ich einer bin. Ich würde von mir allerdings als von einem wohlwollenden Atheisten reden, d.i. von einem Atheisten, der an den Argumenten religiöser Menschen ein ehrliches Interesse hat; der ihnen gern lauscht und auch ihre Rolle in der Kulturgeschichte nicht bestreiten will.

Einer also, der nicht immerfort auf den vernunftsverderbenden und entmündigenden Tendenzen der Religion herumreiten mag. Wozu denn auch? Die unsinnigste Art des Streits besteht doch im wechselseitigen Vorwurfsmachen. Ausserdem verhält es sich, daß einige der klügsten und interessantesten Menschen, die kennenzulernen ich das Vergnügen hatte, nun einmal religiös sind.

Leider bin ich religionsgeschichtlich zu wenig unterrichtet, um sagen zu können, ob immer schon in der Menschheitsgeschichte auch bekennende Atheisten vorhanden waren, glaube aber, es waren. Man weiß von ihnen erstaunlich wenig. Stattdessen erhält man den Eindruck, selbst bei oberflächlichem Durchgehen der Geschichte, es seien die Menschen immer gläubig gewesen, von Elementargöttern (Feuer-, Fruchtbarkeits- und Sonnengöttern), über die Vielgötterei der Ägypter, Griechen und Römer hin zu den heutigen monotheistischen Weltreligionen.

Dass man von den Atheisten der Frühzeit so wenig gehört hat, hat Gründe. Die Herrschenden, die den größten Teil der Geschichtsschreibung besorgten, waren eben auch immer mit den Göttern im Bunde. Und seit Religion Sache der Politik war – seit Anbeginn also – seither hatten Atheisten es schwer. Sie waren stets in der Minderheit, stets stigmatisiert, wo nicht kriminalisiert und mussten in ihrer religiösen Welt weitaus größere Geistes- und Lebensanstrengungen unternehmen, als ihre religiösen Zeitgenossen, die den Glauben einfach mehr oder minder kritisch übernahmen.

Die Zeiten haben sich geändert. Zwar ist die erdrückende Mehrzahl der Menschen noch immer religiös, aber es haben Religion und Staat begonnen sich zu entflechten. Laizismus gilt vielerorts als zivilisatorisches Ideal und es hat, seit ungefähr zweihundert Jahren, ein anhaltendes Streitgespräch zwischen Atheisten und Gläubigen statt.

Von diesem Streit will ich handeln. Es geht mir dabei weniger um die Argumente beider Seiten, als um die prinzipielle Natur dieses Streites. Natürlich gibt es daneben eine Strömung (auf beiden Seiten), die ihre jeweilige Position als nicht rechtfertigungsbedürftig oder als nicht rechtfertigbar, erachtet; Agnostiker zum Beispiel. Von denen sehe ich ab.

Mir geht es um diejenigen, die des Debattierens nicht müde werden und durchaus eine Pflicht angenommen haben, ihre Überzeugungen zu rechtfertigen. Für diese Leute will ich versuchen, den Wurzelgedanken jeder Debatte zwischen Atheisten und Gläubigen einmal recht deutlich an Tag zu bringen.

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Welterklärungen

Arbeit, Staat und Freiheit. Kleine Systematik. (Zweiter Teil, Draft.)

F O R T S E T Z U N G: S T A A T,  F U N K T I O N A L I S M U S   &   T E L O S

(41) Zweiter Gesang, erste Strophe.

(41a) Gesang ist die natürliche Form, das dicht Gedrängte dem Redundanten zu verbinden. Redundanz ist nicht nur die Mutter des Lernens und der Langeweile; sie macht auch die Welt überhaupt erst erkennbar und die Gesellschaft durchführbar. Redundanz liegt jedem System zugrunde, auch dem der Sprache; andernfalls zerfiele sie in einzelne Wörter, die keine Möglichkeit wechselseitiger Bezugnahme hätten. Redundant im Sinne einer bloßen Entfaltung des oben Gesagten ist auch alles hiernach Folgende.

(42) Ebenfalls redundant ist die Staatenbildung. Der Staat wurde von der Natur schon mehrfach erprobt, bevor die Menschen ihn neu erfanden. Meta-Arbeit ist etwas, das uns in der Natur auf mehreren Stufen begegnet.

(42) Wenn nicht den ersten, so zumindest den bedeutsamsten Staatsversuch unternahm die Natur beim Übergang vom Einzeller zum Vielzeller.

(43) Dieser Übergang ist mehrmals erfolgt; es gab ihn bei den Pflanzen, bei den Tieren und bei den rätselhaften Wesen dazwischen. Auch die Bakterien vollzogen ihn. Allerdings scheint bei den Zellkernlosen die erste Form innerartlicher Vergesellschaftung nie über ein primitives Stadium, den häßlich so getauften „Biofilm“, hinaus geführt zu haben. Wir wollen die Einzelheiten dieses Übergangs, gleichwohl er die womöglich spannendsten Fragen der Lebenswissenschaften berührt, nicht untersuchen. Wir konzentrieren uns allein auf das erste Auftreten des Staates.

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Welterklärungen

Arbeit, Staat und Freiheit. Kleine Systematik. (Erster Teil, Draft.)

Ausführung einiger Trivialitäten zur Vermittlung ihrer allgemeinen Geläufigkeit

Der Staat ist menschgemacht. Freiheit, aus Sicht des Einzelnen, ist die Illusion, selbst entscheiden zu können. Freiheit, aus Sicht des Staates, ist Berechenbarkeit.

Ina Eff@Freiherr v. Reiflingen

Der Staat ist der Religion verwandt, weil er etwas ist, dass zugleich unabhängig vom Subjekt besteht, als auch nur darin besteht, dass es ihn denkt. Er ist die zugleich objektive und subjektive Grenze der Freiheit, mithin das, was sie bestimmt. Freiheit ist somit nicht einerseits objektiv, andererseits subjektiv bestimmbar. Sie ist überhaupt nicht bestimmbar, ansonsten sie keine wäre. Als nicht bestimmbare ist sie negativ bestimmt als das Jenseits der Objektivität des Subjekts… Sie denken vom Staat wie der Katholik von Gott.

Freiherr von Reiflingen @ Ina Eff

Vorrede: Schöner Scheitern

(1) Nach dem Staat allein läßt sich nicht  fragen. Zu mannigfach sind die  Zusammenhänge, in denen er steht.

(2) Jede Bestimmung ist der Versuch, aus dem Vieldeutigen ein Eindeutiges zu machen. Wer überhaupt etwas wissen will, darf nicht alles wissen wollen.

(3) Jede Bestimmung, offensichtlich, muß daran scheitern, daß das Vielfältige zum Einfältigen wird. Sie scheiterte selbst in dem Fall  der Bestimmer die großartige Geschicklichkeit besäße, das Vieldeutige seines Gegenstandes einzufalten, wie eine Blüte in die Knospe, der sie entsproß. Denn die Knospe ist die Blüte nicht, und ein Gegenstand noch weniger die Konstruktionsvorschrift, nach der man ihn herstellen kann.

(4) Der Bestimmer scheitert, weil er von allen Zusammenhängen, in denen der reale Gegenstand steht, nur die ansieht, die ihm wesentlich erscheinen. Indes, es gibt nichts Wesentliches. Es ist lediglich die seltsame Eigenart der Tätigkeit, die wir «Denken»  nennen, auf etwas Bestimmtes gerichtet zu sein. Dadurch ist das zu Bestimmende auch schon bestimmt. Es gibt, mit anderen Worten,  Zwecke und Methoden anstatt des Wesentlichen. Der Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung ist nur die Verschiedenheit, mit der ein Gegenstand in unterschiedlichen Zwecken und/oder Methoden aufscheint. Wie wir die Welt anschauen, so blinzelt sie zurück.

(5) Das Scheitern bestimmt jede Bestimmung. Alle Bestimmungen scheitern anders. Je größer das Scheitern, desto besser die Bestimmung. Die Vielheit des Scheiterns macht die Einheit des Gegenstandes. Es ist ja nicht ohne Weiteres einsehbar, dass eine Sache, die in unterschiedlichen Zwecken und/oder Methoden verschieden aufscheint, immer noch die selbe Sache sein soll. Erst die Vielheit des Scheiterns umreisst den Gegenstand. Dessen in jeder einzelnen Bestimmung verloren gegangene Mannigfaltigkeit wird von der Gesamtheit allen Scheiterns in eine Vielbestimmtheit rückverwandelt. Diese Vielbestimmtheit ist nicht die Vielheit des Gegenstandes selbst. Sie ist das beste, das wir haben.

(5a) Soviel der Vorrede. Ich setze den Staat in den Zusammenhang von Arbeit und Gesellschaft. Freiheit wird als abgeleiteter Begriff erscheinen. Von allen behandelten Begriffen ist die Freiheit der kleinste. Natürlich werde ich scheitern.

Erster Teil

E i n e  e m p i r i s c h e  T h e o r i e  d e r  A R B E I T

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