Nachdenklichkeiten, Welterklärungen, Zehnte Klasse Leistungsstufe

Free will, the halting poblem and inferential agency.

Beware: This is a fragment. It was my first attempt to tackle the problem of free will; I wrote it roughly 1,5 years ago. It was only after that that I came to write the already published criticism to Sabine Hossenfelders blog and to some physical objections against free will in general. However, since I am currently writing a completely new (shortened and streamlined AND even german) piece about free will, I decided to publish this fragment as is, with all it’s flaws and fallacies…

0. Introduction.

Free will is often discussed as the conundrum of how our decisions could possibly be free on one hand while on the other hand we assume that everything in the physical world (including our brains) is determined by the laws of physics (i.e. not by „us“). Here, I shall give reasons as to why this way of posing the question of free will is largely misguided. I propose that the problem of free will should not be a debate about the special (and seemingly weird) kind of causation that might be at operation in volitional acts, but rather about the inner workings, the experience of and the interpretetation of the decision-making processes in our brains. In particular it seems that the ability to decide on the decideability of a decision is key to the „freedom“ in free will. And this in turn bears much resemblance to the halting problem in computational theory.

Fundamental aspects of these ideas have been put forward already in the 1960s by Donald Mackay and others but it was not until the 2013 paper of Seth Lloyd („A turing test for free will“) that free will has been explicitly connected to the halting problem. In this paper, Lloyd shows that regardless of the determinacy of the underlying world (i.e. regardless of the physics of our brain), a decider who is capable of self-reference can make decisions, which are fundamentally unpredictable to both, the decider and a possible outside observer of the decider.(fn) The fastest way to arrive at decisions, would therefore be to live through all the decision-making efforts it takes; generally, there is no shortcut (and no other author than the decider) to this process. Lloyd, however left out the reasoning as to why considerations about computability and predictability of computational outcomes would help to clarify the problem of free will. Here, I want to fill in some reasons, why the focus of the discussion about free will should be at least for the freedom-part on the computational routines used by the brain to exercise free will, rather than the causal nature of the brains physics.

Another gap in Lloyds argument pertains the type of unpredictability, he refers to. The algorithmic (i.e. logic) unpredictability of a deciders computations mainly precludes that another algorithm could be used to arrive faster at the final decision of the decider to predict her decissions. It does, however, not preclude the same algorithm on a faster computer from arriving earlier at the decision. You can simply think of the faster computer as the exact same brain in a slightly better condition (nutrition, temperature etc.). Such a brain could predict the outcome of its slightly less optimal doppelganger because it would (viewed as a deterministic turing machine) perform just the same operations — only a bit faster. Does the possibility of a faster doppelganger rule out free will? Are doppelgangers at all logically consistent with free will? I want to also give reasons, why the decisions of a decider would nonetheless be free in any sensible meaning of the word even if there was a doppelgangery decider.

Lastly, I want to refine the notion of free will that Seth Lloyd’s ideas point to. I hold that his ideas specify mostly the „freedom“-part, but fall short on the „will“-part. Therefore, I beg to differ from his (intentionally provocative) idea of any self-referential computer to be a bearer of free will. Since the notion of a will is tightly bound to some sort of self-awareness, I would pled to reserve the concept of free will to creatures/artifacts which can be both, free and the bearer of a will.

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Arbeit, Nachdenklichkeiten, Welterklärungen, Zehnte Klasse Leistungsstufe

Bewerbungen und andere verpasste Chancen: Über die Messbarkeit von Qualitäten.

Geleit

Lieber Leser,

der folgende Aufsatz handelt vordergründig von Bewerbungen. Tatsächlich ist er jedoch nur als erster einer Reihe von Aufsätzen konzipiert, in denen ich einige bemerkenswerte Zusammenhänge zwischen Arbeit und Lebenssinn an Tag bringen möchte. „Bemerkenswert“ nenne ich diese Zusammenhänge, weil sie zwar im Wortsinn „des Bemerkens wert“ sind und dann aber meistenteils unbemerkt bleiben, obwohl sie sich direkt vor unseren Augen abspielen. Der Aufsatz über Bewerbungen ist als Einstieg in das Thema gedacht. Tatsächlich soll das Bewerbungsproblem, so ernst es mitunter ist, nur Anlass sein, um zu tiefer liegenden Fragen vorzudringen. Als da fast von selbst sich stellen: Ob man Qualität messen kann? Warum manche Menschen Arbeit als Mittel zur Selbstverwirklichung ansehen, während andere sie als Geißel empfinden, die sie von der Selbstverwirklichung abhält? Will der Mensch arbeiten oder will er faulenzen? Kann Arbeit Lebenssinn stiften? Was geschieht mit Arbeit, wenn Maschinen und Computer sie verrichten; bleibt es Arbeit? Machen wir uns überflüssig? Wenn der Großteil der Menschheit in absehbarer Zeit zur Wertschöpfung nicht mehr benötigt wird, wie soll er leben und wovon? Und letztlich immer wieder: Was ist Arbeit eigentlich? —

Dieser Aufsatz ist in einer dreigeteilten Vorabversion schon bei den Kolumnisten veröffentlicht worden. Die vorliegende Fassung wurde besonders in den letzten Kapiteln überarbeitet, um die zugrunde liegenden philosophischen Gedanken etwas deutlicher heraus zu arbeiten. Mein Dank gilt meinem Freund und Hirnteiler Felix Bartels.

Bewerbungen und andere verpasste Chancen: Über die Messbarkeit von Qualitäten.

Peter Beurton gewidmet

Wenn…

Sprache, brech ich einmal los, Sprache ist das Fieberthermometer der Gesellschaft. Sprachgnostiker wie Karl Kraus oder Victor Klemperer hätten das gewiss schöner formuliert, aber den Gedanken selbst vermutlich nicht getadelt. Wo Sprache munter fließt und plätschert, wo sie schöpft und geschöpft wird, wo Wörter erlösen und erlöst werden, da mag wohl alles seine rechte Ordnung haben. Wo Sprache aber notorisch überhitzt oder unterkühlt, oder, fataler noch, beides zugleich ist, da zeigt sie eine weiche Stelle an, eine Maladheit der Gesellschaft und manchmal sogar eine Seuche. Die Fünfwortsprache der Millitärs beispielsweise; oder offizielle Sprachregelungen, wie die gegenwärtigen Streits um Vokabeln wie „Völkermord“ oder „Unrechtsstaat“; das chronisch zur Hysterie überhitzte Zeitungsdeutsch; manch ein elend wortkarger Soziolekt — das sind so Fieberflecken der Sprache, die man kennt. Da offenbaren sich am Sprachgebrauch tiefer liegende Konflikte; da entdeckt sich in Tonfall, Vokabular und Diktion eine Irrheit, eine Deformation, eine Schwachheit der Gesellschaft. Von so einer Stelle will ich handeln. Von einer Stelle mit gleichzeitig entzündetem und verkühltem Sprachgebrauch; einer Stelle, an der Eintönigkeit und Häßlichkeit des Vokabulars unbedingt auf tiefer liegendes verweisen; einer Stelle, der ich in den letzten Jahren immer wieder begegnet bin. Die Rede geht von Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben.

Wenn wahr ist, dass Bewerbungs- und Empfehlungsschreiben die Vorzüge eines Menschen unterstreichen sollen (wo nicht sogar ein bisschen erfinden dürfen); und ferner wahr, dass die Vokabeln und Sätze der Bewerbungs- und Empfehlungsbriefe zu eben diesem Behuf mit Bedacht und Sorgfalt, ja nachgerade unter schweren Formulierungsmühen gewählt werden; wenn also in derlei Schaffensfrüchten die besten Kräfte darauf gewandt werden, die besten Seiten eines Menschen auf die beste Weise zu hervorzukehren, dann… ja, dann Stirbwohl, dann gute Nacht, dann Licht aus & Klappe zu; dann trägt das Abendland seinen Namen ganz zu recht, dann sind in ihm nur tumbe Nachtjacken und keine Hoffnung, dann ist der Untergang besiegelt und das Elend unermesslich.

…Dann

Dann wären wir umgeben von phrasenbleichen, mißschaffenen Geschöpfen, die ein hohltönendes Leistungssprech absonderten; dann hausten hierorts nur noch bestürzend unsympatische und dabei gleichförmige Masken, die mit hölzerner Sprache von ihrer seelischen Ödnis kündeten; Menschenlarven, in denen kein Funken Leidenschaft oder Lebensmut glömme; die sich „von Klein auf begeistert“ haben, „motiviert“ sind, ihre künftige Arbeitsstelle „spannend“ finden und so weiter. Und empfohlen würden diese armen Kreaturen durch ebenso kraftlose Zeilen, in denen beurkundet wird, sie hätten sich „stets zur vollsten Zufriedenheit“ und zwar bei „Kollegen und Vorgesetzten gleichermassen“ und man könne sich bei weiteren Fragen _„gern wenden“_… — Und wie ich wende!, nämlich das Blatt und mich und vor allem mit Grausen! —

Jedes Elend hat seinen Grund und so auch dieses. An der Oberfläche ist es eben der Arbeitsmarkt mit seinen Gepflogenheiten und seiner eigentümlichen Sprechart. Man solle, heißt es, das Bewerbungsdeutsch als eine Art Latein ansehen; als eine Chiffre, etwa für die Kopfnoten des Zeugnisses (Fleiss, Disziplin, Ordnung & Mitarbeit). — „Kopfnoten“ ist gut! Wenig kam mir je so kopfverächtend, wo nicht kopfverderbend vor, wie diese vier apokalyptischen Noten.

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Glossen, Nachdenklichkeiten

1 Innovateur, 2 Afterwelt

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Freunde, ich greif jetzt mal tief in die Trickkiste der hinkenden Vergleiche: Wisst ihr eigentlich, was ein Eiweiss ist? So ungefähr bestimmt: In der Regel nämlich ein sehr großes Molekül, das in Zellen hergestellt und, sobald fertig, an einen bestimmten Ort transportiert wird, wo es dann eine biologische Funktion erfüllt. Handelt es sich bei dieser Funktion um eine chemische Reaktionen, nennt man das Eiweiss auch Enzym. Jedes Enzym hinwieder besitzt eine Stelle, die in informierten Kreisen das „reaktive Zentrum“ geheissen wird und an welcher die chemische Reaktion stattfindet, deren Bewerkstelligung Funktion eben dieses Enzyms ist.

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Leistungsstufe, Nachdenklichkeiten, Welterklärungen

Verblödung durch Drüberreden — Hämophektiken des Stereotypverfertigens

Teil 1 : Wie aus Vielfalt Einfalt wird.

Rassismus ist ja eine Form von Dummheit. Soll jetzt mal kein Urteil sein, sondern eine Feststellung. Denn unzweifelhaft zeugt von Einfalt, alle Übel der Welt einer bestimmten Sorte Mensch anzulasten. Das wunderbare Wort „Einfalt“ faßt den ganzen Unsinn wie kein anderes: Die mannigfachen Ursachen des sich-so-Zutragens unserer Geschichte werden durch den Rassisten in eine einzige gefaltet: Der Jude wars, oder der Kanake, der Neger, der Muselmann.

Gewiss, es gibt Abstufungen der Schuldzuweisungen. Also etwa, dass der Kanake nur Schuld auf sich lädt, wenn er in unser Land kommt, während der Jude auch dann Schuld hat, wenn er bleibt, wo er ist. Oder der Muselmann, der schlimmer ist als der Neger, weil er vorsätzlich brandschatzt und mordet, während sich dieser durch abnorme Schnakselsucht inklusive Kinderindieweltsetzen eigentlich nur seiner dräuenden Altersarmut erwehren will. Und so weiter.

Schön blöd, das alles, nicht wahr? Wie aber kommt es dann, dass so viele Menschen anfällig für solche oder ähnliche Stereotype sind? Selbst kluge Menschen, selbst Leute mit ansonsten unbestechlichem Verstand? Selbst Leute, die vielleicht täglich ganz normalen Umgang mit Juden oder Türken pflegen?

Am Grunde des Durchschauens rassistischer Stereotype nämlich verbleibt eine Frage, die meines Erachtens immer noch ungelöst ist. Sie lautet: Wie kommt es zu der seltsam vereinheitlichten Wahrnehmung einer gemischten Gruppe von Menschen durch eine gemischte Gruppe von Menschen? Welcher Mechanismus bewirkt, dass aus Vielfalt Einfalt wird?

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Nachdenklichkeiten

Weisse Quadrate. Von der Kunst über Kunst zu urteilen

Mein Freund und Hirnteiler Felix Bartels fragte mich jüngst anläßlich des Lobster-Awards, ob ästhetische Urteile objektivierbar wären. “Nein”, antwortete ich ohne Zögern.

Noch indem ich dieses „Nein“ aussprach, war der Drang in mir entstanden, es auch zu begründen. Deswegen setzte ich sogleich hinzu, dass ästhetische Urteile allenfalls größere Gültigkeit erreichen könnten, indem sich ästhetischer Genuß und rationale Durchdringung eines Werkes wechselseitig erhöhten. Gültigkeit wiederum äussere sich als Nachvollziehbarkeit, Wohlstrukturiertheit und Komplexität einer Urteilsbegründung. — Etwas an dieser aus der Hüfte geschossenen Begründung fühlte sich unvollständig, wo nicht falsch an. Nun weiss ich, was es war. Ich bleibe beim “Nein”, aber inbetreff der Gültigkeit will ich im Folgenden einiges berichtigen und erweitern.

Drei Argumente plane ich vorzutragen:

(1) Erstens, die Auffassung von ästhetischer Wirkung kritsierend, die der Frage zugrunde liegt.

(2) Zweitens, die gesellschaftliche Praxis betonend, in die jegliche Kunst betten muss.

(3) Drittens, über Gültigkeit und den Drang handelnd, andere vom eigenen ästhetischen Urteil zu überzeugen.

Erstens. Ad Kunstauffassung.

Die Frage nach der Objektivierbarkeit ästhetischer Urteile erkundigt sich nicht allein danach, ob künstlerischen Gegenständen Eigenschaften zugesprochen werden könnten, die messbar sind, wie zum Beispiel die Geschwindigkeit eines Teilchens – Eigenschaften mithin, in denen ihr ästhetischer Wert sich ausdrückt – sondern auch danach, wie ästhetischer Wert überhaupt zustande kommt?

Man kann darauf antworten, dass der ästhetsische Wert sich im Tauschwert realisiere, den ein Kunstwerk erzielt. Das wäre in etwa die Auffassung des Kunstmarktes. Diese Auffassung wurde vielfach kritisiert, weswegen ich sie einmal zurück stellen möchte; ich komme aber weiter unten auf sie zu reden.

Hier will ich eine einfache Idee des Zustandekommens ästhetischer Werte geben und vor allem deren Konsequenzen ausführen. Ich meine, der ästhetische Wert eines Werkes realisiert sich in der Wirkung, die ein Werk im Betrachter – oder Hörer, Leser etc – im Kunstgeniesser also, auslöst.

Die Bestimmung eines Werkes ist deshalb nicht, andere Werke zu übertreffen, sondern vermittels seines Genusses Wirkung zu entfachen. Meine Behauptung lautet nun, dass, so man diese Idee vom Zustandekommen ästhetischer Wirkung teilt, die Frage nach der Objektivierbarkeit ästhetischen Urteilens ganz falsch ist; dass sie sich gar nicht stellt.

Am einfachsten lässt sich diese Folgerung illustrieren, wenn wir uns erinnern, wie unser eigenes ästhetisches Urteil sich im Verlauf unseres Lebens geändert hat. Als Kinder oder Jugendliche haben wir andere Musik wertgeschätzt, andere Bilder bewundert, in anderen Romanen geschwelgt, als wir es als Erwachsene tun; und eigentlich würde ich ungern der Hoffnung entsagen, dass wir das ganze Leben fortfahren, hinzu zu lernen.

Daraus abzuleiten, unser Urteil wäre als Kind falscher, denn als Erwachsener, scheint mir vorschnell und vor allem dem Bestreben geschuldet, die Gültigkeit und Überlegenheit unserer gegenwärtigen, vielleicht auch mühsam erarbeiteten Urteile vor jenen kindlichen zu wahren, nur weil die einfacher zu haben waren. Dabei liesse sich leicht das Gegenteil vertreten: Es ist durchaus möglich, dass wir als Kinder oder Jugendliche grössere Wirkung eines Werkes empfunden haben. Mit welchem Recht bestritten wir nun dieser Wirkung ihren ästhetischen Rang? Und, wesentlicher noch, müssen wir nicht in unseren kindlichen Urteilen die Knospe erblicken, aus dem sich unser heutiges Schätzungs- und Genussvermögen entfaltet hat – überhaupt nur entfalten konnte? Ist nicht dieses Voraussetzung für jenes? Und hat nicht die Kunst unserer Kindheit selbst, durch den Umgang mit ihr, diese Entfaltung nur bewirken können? Was also sollen Rangfolgen von Urteilen überhaupt?

Man erkennt, worauf ich hinaus will. Kunstgenuss und das Aneignen von Erfahrung im Kunstgeniessen zielen überhaupt nicht auf gesteigerte Objektivität unserer Urteile. — Objektivität ist immer eine Flucht fort vom Subjekt. Das ist ihr Sinn: Unabhängikeit vom Subjekt und seinen Meinungen und seiner Fallibilität. Kunst nun, indem sie ästhetische Wirkung ausübt, will das genaue Gegenteil dieser Bewegung. Kunst, und die Auseinandersetzung mit ihr, verlangt nach Entfaltung des Individuums; verlangt nach Entfaltung und bewirkt sie überhaupt. Je mehr Kunst das Subjekt kennt, versteht und geniesst, desto mehr wird es überhaupt Individuum. Es bildet immer neue Facetten des Kunstverständnisses, Blickwinkel, aus denen die Kunst ins Leben spielt, Gesichtspunkte, unter denen Kunst sich auffassen und geniessen lässt; Verständnis für komplexere Formen und ihre Angemessenheit an einen Inhalt. Kunst ist die Bewegung hin zum Individuum.

Nicht schafft Kunst das Allgemeine; sie schafft, im Gegenteil, das Besondere. Alle Kunstgeniesser erkennen einander; und sie erkennen einander daran, dass ihre Urteile sich unterscheiden! Es ist ja Eigenheit gerade des ungebildeten Kunsturteils, gleichförmig zu sein. (Der Aufdruck “Bestseller” gilt dem Kenner als Warnung. Manchmal freilich ist er trotzdem geniessbar, vorausgesetzt, man schreckt ihn kurz mit kochendem Wasser ab.)

Es liegt daran, dass die ästhetische Wirkung eines Werkes nie ohne das Zutun des Individumms stattfinden könnte. Die Wirkung eines Kunstwerkes entsteht durch die private, ganz eigene Inbezugsetzung des Kunstgeniessenden zum Werk. Anders ist Kunstwirkung – und mit ihr, ästhetisches Urteilen – überhaupt nicht zu haben.

Es geht dabei nicht nur um das Auffassen einer im Werk verschlüsselten Information (wie manche Kunsttheoretiker meinten), sondern, noch umfassender, um eine Art der Selbstwerdung. Zum Selbst gehören einmal unsere ästhetischen Vorlieben und Urteile; sie können sich nicht anders bilden, als im Umgang mit schönen und hässlichen Dingen. Unterschiede der Schönheit sind Unterschiede in unserer Seele, oder, wem das altschöne Wort “Seele” nicht behagt, dem mögen sie als kunstumgangsgebildete Beschaffenheit unseres Selbst gelten. Mithin ist ein ästhetisches Urteil nicht Audruck einer Sache ausser uns – Eigenschaft eines Kunstwerkes etwa – sondern Ausdruck unserer Seelenbildung. Dies ist mein hauptsächlicher Gedanke, und wer keine Lust verspürt, Addenden zu studieren, darf die Lektüre an dieser Stelle getrost beenden. Der Rest dieser Ausführung ist nämlich im Grunde nur noch Entfaltung des Gesagten.

Den Weiterlesenden: Sobald einmal begriffen ist, daß Schönheit nurmehr ein Unterscheidungsvermögen ist, beginnt die Frage nach der Objektivierbarkeit ästhetischen Urteilens ganz seltsam zu scheinen. Im Grunde lautet diese Frage nämlich: Wie objektiv ist das Subjekt? So dialektisch die Frage auch klingt, so blödsinnig ist sie in dieser Formulierung und diesem Zusammenhang. Wir scheiden das Subjektive ja vom Objektiven, um das zu trennen, an dessen Existenz wir tätig mitwirken müssen von dem, das unserer Mitwirkung überhoben sein soll. Wie weit diese Scheidung trägt, mag dahin stehen und kann meinetwegen Anstoss zu einem philsophischen Betracht sein. Aber danach fragt die Objektivierbarkeit ästhetischen Urteilens nicht; sie erkundigt sich nur, wohin – Scheidung des Subjektiven vom Objektiven bereits voraus gesetzt – wohin dann ästhetische Urteile ordneten?

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Nachdenklichkeiten, Welterklärungen

Boviste und Planeten. Der Streit um Gott.

Wer sich einmal unter Christenmenschen erkundigt hat, wer oder was Gott sei, wird vielleicht erstaunt über die Unterschiedlichkeit der Antworten gewesen sein.

„Die Liebe“, sagt der eine. „Das Prinzip des Guten“, meint der andere. „Ein allwaltender Geist der Barmherzigkeit“, ist wieder einer überzeugt. Und so weiter.

Sie kennen das wahrscheinlich. Nun, dann wissen Sie auch, daß die häufigste Antwort lautet: „Was Gott ist? Das kann man nicht sagen.“

Im Grunde ist damit schon viel von dem bewiesen, was ich im Folgenden ausführen möchte. Gott ist kein klares, einheitliches Ding oder Wesen oder Wirkprinzip; er liegt sozusagen, und lag wahrscheinlich immer schon seit er einzig ist, in chronisch dekonstruierter Form vor.

Die Vernünftigen unter den Theologen sind sich dieser Zersplittertheit Gottes natürlich bewußt; möglicherweise reden sie lieber von Vielgestalt als von Zersplitterung. Sebst innerhalb ihrer Zunft – gerade in der – wird wenig Einmütigkeit über Gott herrschen. Manche kehren diese Mißlage in ein Argument um und nehmen die Verschiedenheit der Gottesvorstellungen als Beleg, wie wenig das menschliche Denkvermögen Gott zu fassen vermag und wie überaus gewaltig Gott sein müsse, wenn selbst alle Menschenhirne zusammen genommen keine schlüssige Gestalt aus ihm gewinnen können.

Immerhin, soviel können wir den meisten Antworten entnehmen, daß es sich bei Gott um eine Art Limes handelt; Gott führt ein Prinzip oder ein Vermögen oder eine Art des Vorkommens an eine absolute Grenze. Meist ist es auch eine Grenze des Denkbaren. Zum Beispiel Gott sei der Anfang von allem, oder der Schöpfer von allem oder die absolute, reine Liebe. Vielleicht darf man daraus ableiten, daß Gott in jedem Fall die Denkbewegung, und sicher auch eine Fühlbewegung hin zu einem Absoluten ist und in der Regel auch dessen Verdinglichung.

Natürlich, Sie merken es schon, argumentiere ich wie ein Skeptiker. Man riecht den Atheisten. Es wird wohl daran liegen, dass ich einer bin. Ich würde von mir allerdings als von einem wohlwollenden Atheisten reden, d.i. von einem Atheisten, der an den Argumenten religiöser Menschen ein ehrliches Interesse hat; der ihnen gern lauscht und auch ihre Rolle in der Kulturgeschichte nicht bestreiten will.

Einer also, der nicht immerfort auf den vernunftsverderbenden und entmündigenden Tendenzen der Religion herumreiten mag. Wozu denn auch? Die unsinnigste Art des Streits besteht doch im wechselseitigen Vorwurfsmachen. Ausserdem verhält es sich, daß einige der klügsten und interessantesten Menschen, die kennenzulernen ich das Vergnügen hatte, nun einmal religiös sind.

Leider bin ich religionsgeschichtlich zu wenig unterrichtet, um sagen zu können, ob immer schon in der Menschheitsgeschichte auch bekennende Atheisten vorhanden waren, glaube aber, es waren. Man weiß von ihnen erstaunlich wenig. Stattdessen erhält man den Eindruck, selbst bei oberflächlichem Durchgehen der Geschichte, es seien die Menschen immer gläubig gewesen, von Elementargöttern (Feuer-, Fruchtbarkeits- und Sonnengöttern), über die Vielgötterei der Ägypter, Griechen und Römer hin zu den heutigen monotheistischen Weltreligionen.

Dass man von den Atheisten der Frühzeit so wenig gehört hat, hat Gründe. Die Herrschenden, die den größten Teil der Geschichtsschreibung besorgten, waren eben auch immer mit den Göttern im Bunde. Und seit Religion Sache der Politik war – seit Anbeginn also – seither hatten Atheisten es schwer. Sie waren stets in der Minderheit, stets stigmatisiert, wo nicht kriminalisiert und mussten in ihrer religiösen Welt weitaus größere Geistes- und Lebensanstrengungen unternehmen, als ihre religiösen Zeitgenossen, die den Glauben einfach mehr oder minder kritisch übernahmen.

Die Zeiten haben sich geändert. Zwar ist die erdrückende Mehrzahl der Menschen noch immer religiös, aber es haben Religion und Staat begonnen sich zu entflechten. Laizismus gilt vielerorts als zivilisatorisches Ideal und es hat, seit ungefähr zweihundert Jahren, ein anhaltendes Streitgespräch zwischen Atheisten und Gläubigen statt.

Von diesem Streit will ich handeln. Es geht mir dabei weniger um die Argumente beider Seiten, als um die prinzipielle Natur dieses Streites. Natürlich gibt es daneben eine Strömung (auf beiden Seiten), die ihre jeweilige Position als nicht rechtfertigungsbedürftig oder als nicht rechtfertigbar, erachtet; Agnostiker zum Beispiel. Von denen sehe ich ab.

Mir geht es um diejenigen, die des Debattierens nicht müde werden und durchaus eine Pflicht angenommen haben, ihre Überzeugungen zu rechtfertigen. Für diese Leute will ich versuchen, den Wurzelgedanken jeder Debatte zwischen Atheisten und Gläubigen einmal recht deutlich an Tag zu bringen.

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