Nachdenklichkeiten

The Konjunkturpaket wreaks havoc

Erinnerungen an einen heissen Herbst

Rien ne va plus, nix geht mehr. Man tritt vor die Haustür und Endegelände, weiter kommt der Hausaustreter nicht: Flammen schiessen auf, markerschütterndes Getöse umbraust ihn, Nasenhöhlen verbrennen, Lungenflügel platzen. Hirn und Augäpfel entweichen dem Schädel.

Dies sei gar nicht das Purgatorium? Eine Baugrube lediglich, eine Wegverbesserungsmaßnahme?

Lediglich?! Richig ist: Eine Baugrube ist eine Baugrube ist eine, Betonung auf “eine”. Viele Baugruben aber machen einen Höllenschlund. Und sehr sehr viele Baugruben sind die Apokalypse. Die Welt, wie wir sie kannten, wird dieser Tage gewendet. Metertief. Es ist die umgreifendste Revolution, die je in Deutschland unterstes zuoberst kehrte.

(Und wie immer in diesem Lande merkt es keiner. Alle deutschen Revolutionen kommen von oben. Die von unten kommenden krepieren mit Sicherheit in jenen Rohren, die bei der letzten Revolution behördlich genehmigt & verlegt wurden.)

Giftig nachtleuchtende Wälder aus Warn- und Umleitungsschildern entwuchern der gewendeten Scholle, vielspurige Magistralen liegen grausam verwüstet und werden vielleicht nie wieder befahrbar. Noch der kleinste Stieg wird gewaltsam aufgebrochen. Die Straßen in der DDR selig, deren Zustand ihre Bewohner einst zu grimmigen Empörern machte, waren wegsamer. Von Hitlers Autobahnen ganz zu schweigen. Wie heißt die verderbensvolle Geißel, die uns heimsucht?

Wodurch die plötzliche Vervielfältigung des Abgründigen, woher die Schächtung dieses Landes? Hier ist die Antwort. Das Land wird vom Konjunkturpaket der Bundesregierung auf-, ein- und endlich niedergerissen. Jenes Geld, das die letzte Krise abmildern helfen sollte. Es muß, so will es seine Bestimmung, bis zum Ende des Jahres ausgegeben sein. Also regnen nun 36,8 Milliarden harte Euro hernieder, und wo sie einschlagen, entsteht ein Baukrater. 36,8 Milliarden Euro schweres Baugerät, Asphaltfräsen, Planierraupen, Richtbohrer betreiben, so der Fachausdruck, kontrollierten Rückbau. Konjunktur beginnt mit Rückbau. “Crescendo”, pflegte unser anthroposophischer Orchesterdirigent Herr Blechert zu sagen, “Crescendo heißt: leise anfangen!”. Ich fürchte der Anfang des Konjunkturprogramms wird lauter gewesen sein, als sein Ende.

Ein starkbärtiger, mittelguter Witz aus der Friedenszeit ging so: “In der Sowjetunion haben sie jetzt eine Maschine gebaut, die säht das Korn, mäht es ab, drischt es, backt Brot daraus und verspeist es am Ende sogar selbst.” – Jede Gesellschaft, und nicht nur die sozialistische, ist eine solche Maschine.

Die Pointe leuchtet so sehr ein, daß man ihr arglos auf den Leim geht. Natürlich stimmt sie spätestens seit dem Prager Fenstersturz nicht mehr.

Sie erinnern sich? Mit dem begann der dreißigjährige Krieg. Während jener grimmelshausenen „Hirn-und-Augen-lagen-auch-allda-Zeit“ entstand das Bewußtsein, daß der Krieg möglicherweise der eigentliche Dauerzustand sei, der Frieden aber die krankhafte Ausnahme. Deutlich geworden in dem berühmten Wallensteinschen Ausspruch vom Kriege, der sich selbst ernährt. Nicht der Friedensmann ist der sich fortzeugende, sondern der Kriegsmann. Weil einmal nichts wachsen kann, wo schon etwas gewachsen ist, sei es Sinn und Einrichtung der Welt, das Gewachsene wieder zu unterpflügen. Das Pfluggerät ändert sich. Nicht ändert sich, daß mit ihm genichtet werden muß, um den Kreislauf des Ewiggleichen in Bewegung zu halten. (Schon Pigor sang diesbezüglich: „Ich heideggere Euch zu Boden!“)

Ich will klar sein. Früher bedurfte es eines handfesten Krieges, einst mit Roßschinder, Schleuder und Armbrust, jüngsthin verbessert zu Luftbombardement und Feuerwalze, um die Infrastruktur eines Landes derart flächendeckend und vollständig zu verwüsten. Aber Kriege sind passè, zumindest vor der Haustür. “Schwerter zu Pflugscharen” heißt das Gebot des Siècles; man pflügt, will das heißen, nunmehr wieder mit krummer Klinge und unterirdisch.

Die moderne Pflügerbombe heisst Konjunkturpaket. Der Übergang ist von der “dumb bomb” zur “smart missile”. Im Gegensatz zur Bombe hat die Rakete ihren eigenen Antrieb; der Krieg unterhält sich auf das Beste.

Die Krise ernährt die Krise. Das ist die Humanisierung der Barbarei, zu der wir seit dem Prager Fenstersturz gelangt sind. Die fieberhafte Tätigkeit, die sich stets entfaltet, um der Krise zu entkommen, heißt Konjunktur. Man weiß nicht, welches Schauspiel den Namen Krise eher verdient: Jenes panische Wirken, das uns heraus reissen soll, oder jenes, das uns hinein reitet. Es ist die selbe Sache. Der Satthals von vorn und der Satthals von hinten. Kraus hätte gesagt, Krise, das ist der Betrieb, der sich für ihren Ausweg hält.

Im Westen haben sie jetzt eine Maschine gebaut, die düngt, indem sie die Felder zu Asche verbrennt, der Asche die prachtvollste Frucht entwachsen läßt, um daraus Biodiesel zu machen, mit dem die Maschine angetrieben wird, die die Felder wieder nieder brennt…

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Bekenntnisse

Joachim Gauck, Nachpredigt.

Puh! Der Spuk ist vorbei und Gauck verschwindet wieder in der Berliner Puppenkiste. Klappe zu, Affe tot.

Ein säuerlicher Nachgeschmack bleibt. Als hätte man sich erbrochen.

Man weiss es nicht. Hat man? Sobald man sich zu einer Sache äussert, die schon in aller Munde ist, geht nicht mehr auszumachen, wer dann den schlechten Geschmack hat.

Nein, die Sache schmeckt mir ganz & gar nicht, auch wenn sie gewonnen ist. Schön, Gauck wurde irgendwie abserviert. So weit, so gut. Aber in Ansicht der großen Misère, die sich an der Sache sichtbar macht, ist mir das schon ganz Wurscht. Schlimme schlechter-Atem-Wurscht.

Dies ist die große Misère:

Die Berliner Puppenkiste ist schlecht gemacht. Alles an ihr. Das Stück, die Bühne, die Puppen, die Requisite, das ganze Drumherum. Das teuerste noch ist billig.

Das allein wäre nicht bedenklich. Wirklich mies ist, dass die Leute hingehen, obwohl nebenan die besten Bühnen auf sie warten. „Warten“ ist übrigens ein Euphemismus.

Das Gute, Schöne, Wahre muss sich feilbieten, als wäre es über dem Verfallsdatum. Wir leben in einer Zeit, deren Bewohner von zwei Dingen das häßlichere vorziehen, von zwei Taten die schlechtere und von zwei Sätzen die Lüge.

Es ist abersinnig bis zur Verrücktheit. Natürlich ist des Gutenschönenwahren erste Eigenart, gar kein Verfallsdatum zu besitzen. Oder doch in Zeiträumen zu vergehen, die unsere Lebenszeit übersteigen. Die Leute ziehen das Verfallbare vor. Was schlecht ist, genügt nicht. Es muß auch möglichst schnell noch schlechter werden. Das Verderbte muss verderben bis es stinkt. Das findet Beifall, Zuspruch, Aufmerksamkeit.

Wieso sich mir diese Verrücktheit ausgerechnet an dem eifernden Pfaffen Gauck eröffnet? Sehen Sie, ich führe hier seit gut zwei Jahren recht wenig betriebsam, man kann sagen: saumselig, mein geheimes Sudelbuch. Was ich hierein setze, beschäftigt sich mit Gegenständen, die unabhängig von Tageszeit und Wetterlage humorig oder bedenkenswert oder schön oder unterhaltsam sind. Ihr Verfallsdatum war ich stets bemüht, nach Jahren festzulegen, nicht nach Tagen.

Sie sind, wenn man will, Kunst oder Philosophie und manchmal eine Mischung aus beidem. Ich behaupte für diese Dinge keinen grossen Rang, aber ich behaupte ihre Gutgemachtheit. Man kann, wenn man über ein Aufnahmeorgan für derlei verfügt, Freude daran finden. Die Besucherzahlen in meinem Sudelbuch sagen mir: Allzu viele scheinen es nicht zu sein, die über dieses Aufnahmeorgan verfügen. Gut. Ist der erbauliche Ort eben wenig begangen.

Nun habe ich eine Ausnahme gemacht. Aus Versehen. Der eifernde Pfaffe ging mir auf die Nerven. Über diese Entnervtheit habe ich mich zu dem Fehler verleiten lassen, mich hier, im Sudelbuch, mit Tagespolitischem zu bemüssigen. Mit Dingen, deren Verfallsdatum übermorgen, spätestens nächste Woche ist.

Und plötzlich passiert etwas.

Plötzlich passiert, dass sich Horden in mein Sudelbuch klicken; der Traffic auf dieser Webseite steigt um Grössenordnungen. Kein Witz. Plötzlich herrscht Gedränge und Tumult. Es wird durcheinander genölt, geschwitzt, gestikuliert. Kein wenig begangener Ort mehr.

Aha, denke ich, so geht das. Man kann einen Staubsauger besser verkaufen, wenn man ihm Brüste anklebt. Ein Sudelbuch bekommt regen Leseandrang, wenn man ihm etwas Anstössiges auf den Buchdeckel klebt. Etwas Obszönes. Gauck.

Es trifft nicht zu. Einen barbusigen Staubsauger würde man am Ende dennoch zum Staubsaugen nehmen. Ein Buch mit einem Schundtitel würde man am Ende doch zum Lesen hernehmen. Indes, es hat sich nicht ereignet, dass die durch mein Sudelbuch sich wälzenden Hundertschaften irgendetwas anderes zur Hand genommen hätten, als den obszönen Buchdeckel. Keine zehn Prozent hat den erbaulichen Seiten dahinter auch nur einen Blick gegönnt.

Das Guteschönewahre, es steht neben dem Hochgejazzten wie das Aschenbrödel neben ihren aufgedonnerten Stiefschwestern. Mit dem Unterschied, dass Wirklichkeit ist: Der Prinz nimmt die mit den abgehackten Zehen und lebt glücklich bis an sein Lebensende.

Was ist an einem Artikel über Gauck interessanter, als an einem über den idealen Staat oder über Gottesbeweise? Die spinnen, die Bundis! (Zonis inbegriffen) Was haben die davon, dass sie an diesem Geschwurbel teilnehmen? Soweit ist es gekommen: Einst haben die Medien die Leute vor sich hergejagt. Heute jagen die Leute den Medien hinterher. Warum, in Dreigottesnamen?

Ich meine es todernst. Der Bundespräsident, wer immer es nun sei, wird nie irgendetwas sagen oder tun, das sich innerlich bedenken liesse. Selbst in der besten aller Welten würde er nie etwas erzeugen, das man tief bewundern oder seinen Kindern beibringen könnte. Er wird unserem Leben niemals irgendeine Art von Reichtum und Fülle schenken. Es ist nicht seines Amtes. Er ist, mit einem Wort, im Leben der Meisten eine Nebenfigur.

Im Leben derjenigen Meisten, die selbiges Leben daran wegwerfen, es heute mit dem Bundespräsidenten, morgen mit Guido Westerwelle und übermorgen mit einem anderen Schund zuzubringen. Wie geht das zusammen? Die Zeit, die wir auf etwas wenden, ist ein Maß für dessen Wichtigkeit. Wieso wenden wir die meiste Zeit auf Belangloses? Ist dies das tiefere Meinen von Demokratie? Soll das ganze Leben randvoll mit Betrieb angefüllt sein, damit man ganz vergisst, es auch zu bewältigen?

Ach, wäre es nur das Bewältigen! Es ist ja auch das Geniessen, das Amüsieren, das Lieben, das Hassen. Alles projiziert sich auf diese unwürdigen Gestalten und Gegenstände, deren Unwürdigkeit jeder umstandslos zugeben würde.

Es gibt nun eine Meinung, die sagt, das Platte wäre der Dünger des Hohen. Man könne sich nicht immer mit dem Gutenschönenwahren abgeben. Es strenge an. Es würde durch übermässigen Gebrauch gewöhnlich werden.

Das alles zugegeben. Es ist ja ein Strohmannargument. Ich behaupte nicht, man müsse. Und immer. Das Platte mag der Dünger des Hohen sein. Das Hohe, sage ich, hört auf, das Hohe zu sein, wenn niemand es für hoch ansieht. Wenn niemand es überhaupt nur ansieht.

Alle wollen düngen. Wozu denn, wenn niemand ernten will?

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Bekenntnisse

Joachim Gauck, dagegen!

Es gibt Meinungen, für deren hinterm Berg halten man sich niemals ohrfeigen müssen will. Voilà! Ich bin gegen Joachim Gauck. Dagegen, dass er Bundespräsident wird, dagegen dass er sich um dieses Amt bewirbt, dagegen, dass er sich überhaupt in der Öffentlichkeit herzeigt.

Ich vermeide in der Regel, mich um Tagespolitisches anders zu bekümmern, als kategorisierend. Gegen Gauck mache ich eine Ausnahme. Gauck ist die Fratze der bundesdeutschen Vernunft, wenn sie zum Fanatismus wird. Ich schneide ihm eine Fratze zurück.

Jede Überzeugung hat ihre Fanatiker. Jene, die es damit übertreiben, die das Maß verlieren und in ihrem Eifer von Zweifeln gänzlich unangefochten sind. Sie haben nicht einfach recht in dem was sie tun. Sie haben rechtestens. Testestens. Der Fanatiker ist die am meisten Recht habende Person der Welt.

Wir wissen, wie ein islamistischer Fanatiker auszusehen hat. Man findet sein Paßbild fast täglich in der Zeitung. Wir wissen, wie ein jüdischer Fanatiker aussieht, nämlich wie ein islamistischer Fanatiker mit Hut und Schläfenlocken. Wir haben eine ungefähre Überlieferung, wie die Nazi-Fanatiker ausgesehen haben, aber wir erinnern uns nicht allzu gern; sie haben was von Familie. Wir kennen christliche Fanatiker, Fanatiker der RAF und der 68er Anti-Spiesser-Guerilla, wir kennen die Fanatiker, die mit Stalins Namen auf den Lippen starben, und jene, die es in japanischen Kamikaze-Flugeugen taten. (Geeifert wurde immer. Nicht immer wurde gestorben. Manchmal liess man auch sterben. Wichtig war allein, dass man es mit gutem Gewissen tat.)

Wissen wir aber, wie ein Fanatiker bundesdeutscher Vernunft aussieht? Ein grundguter Vollstrecker des Grundgesetzes? Ein Eiferer des Rechtsstaates? Seit Köhler zurücktreten musste, weil ihm versehentlich die Wahrheit über den Afghanistankrieg rausgerutscht war, wissen wir es wieder. Ach, wir hätten es so gern vergessen!

Die nach ihm benannte Behörde war ja umbenannt worden; der Mann also im Begriff, sich aus dem Gedächtnis zu scheren, wohin er gehört, in den Orcus. Nun ist er wieder da und mit ihm die alten Fragen: Wie muss einer beschaffen sein, um diese Behörde zu repräsentieren und ihr seinen Namen zu leihen? (Überhaupt: Welche Ausschüsse tragen den Namen ihrer Repräsentanten?) Wie kommt einer dazu, sich um diesen Posten zu reissen? Was ist das für eine Sorte Mensch?

Die Antwort liegt auf der Hand und steht ihm ins rechteckige Gesicht geschrieben: Man muss von der protestantischen Unbeirrbarkeit besessen sein, unter allen Umständen Gutes zu tun, koste es, was es wolle. Selbst Fernsehruhm und die Anfeindungen der Bösen und Ewiggestrigen muss man klaglos in Kauf nehmen können. Nur, wer Lichtgestalt sein will, nein, Lichtgestalt ist, kann als Vergelter gehen. Der Erzengel Gabriel ist das Urbild aller Fanatiker.

Durchaus: Vergeltung. Es war klar, ist klar, wird klar bleiben, dass die Gauck-Behörde nie der Herstellung von Gerechtigkeit diente. Ein Dialog zwischen Tätern und Opfern wäre vielleicht möglich gewesen, hätte man Instrumente, wie die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika geschaffen. Es hat einen Grund, weswegen die TRC, mit deren Hilfe die Verbrechen des Apartheidsregimes ruchbar gemacht werden sollten, ihr Vorbild nicht in der Gauck-Behörde suchte.

Die Gauck-Behörde war ein Vergeltungsinstrument der Sieger und ein Unterdrückungsinstrument gegen die Verlierer. Ihr Wirken war nicht konstruktiv auf die Zukunft, sondern destruktiv auf die Vergangenheit gerichtet. Sie machte aus altem Unrecht neues. Man musste durchdrungen sein, von dem, was heute Rechtsstaatlichkeit heisst, wollte man ihr überzeugt vorstehen. Man muss die Gabriel-Mentalität des gerechten Vergelters haben, um weder aus Hass, wie es das Fräulein Lengsfeld getan hätte, noch aus Macht- und Karrieregeilheit, wie sie das Fräulein Merkel umtreibt, diesen Posten auszufüllen. Man muss ein Pflichterfüller, ein Fanatiker der Bundesrepublik sein.

Komisch, dass gerade der ostdeutsche Pfaffe Gauck so ein Fanatiker ist. Wie konnte er sich die bundesdeutschen Überzeugungen so schnell zu eigen machen? Die Antwort ist, die Sorte ist so. Man muss sie nur an den richtigen Platz stecken. Eigentlich nichteinmal das. Man muss ihnen den richtigen Platz nur in Aussicht stellen. Das genügt. Dann ist nichts vor ihrem heiligen Eifer sicher. Nichtmal sie selbst. Die Aufgabe des Fanatikers ist ja die Aufgabe seiner selbst. Er ist ganz Überzeugung. Das ist keine Deformatión professional. Nicht der Posten sucht und formt sich den Mann. Der fertige Mann sucht den Posten. Leider wurde die Behörde und mit ihr der Gauck-Posten geschaffen. Man kann getrost behaupten, eine Gesellschaftsordnung sei desto schlechter, je mehr Posten für solche Männer sie bereit stellt.

Folglich beängstigt, dass er nun zum Amt des Bundespräsidenten drängt. Sollte das auch ein Posten für Fanatiker und Gesinnungstäter sein? War nicht immer die Vorstellung beruhigend, das Amt des Bundespräsidenten sei nicht, ein Machtwort zu sprechen, sondern bestenfalls, ein Sprichwort zu machen? Gern schmunzelt man noch heute über Roman Herzogs Wort vom «Ruck», der durch Deutschland gehen müsse. Das war vor 13 Jahren und wirkt noch immer so anrührend naiv und unverbraucht, wie einst.

Ich fürchte, so harmlos wird es nicht bleiben. Nicht mit Gauck. Gauck wird das Amt des Bundespräsidenten brutalisieren. So wie Dieter Bohlen das Fernsehen für seine Zwecke brutalisiert. Bohlens Zwecke, das sind lediglich Geschäfte und Großmannssucht. Damit gäbe sich Gauck nicht zufrieden. Er würde aus dem betulichen Amt des Bundespräsidenten eine Kanzel des bundesdeutschen Mainstreams machen. Einen Panzer, einen Schützenturm des politisch Korrekten. Er hätte jeden Tag so unerträglich Recht bis seinen Zuhörern das Blut aus den Ohren stürzte. Er wüsste die Masse des linksliberalen Meinens hinter sich und schöpfte aus dieser Einbildung eine schreckliche Unbeirrbarkeit. Jeden Tag aufs Neue. Den Geist, den sie riefen, würden sie nicht wieder los. Und verfluchen werden sie den Tag, da sie dem schlafenden Eifer des Joachim Gauck ein neues Betätigungsfeld gaben.

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Sinnsprüche und Splitter

Sinnsprüche und Splitter (1)

Bislang habe ich Aphorismen und was ich dafür hielt in nicht-chronologischer Reihenfolge, getrennt vom Rest des Blogs unter „Sinnsprüche und Splitter“ publiziert. Das war, wie ich nun, nach kurzem Überdenken der Sache befinde, nicht klug: ich hätte sofort von Lichtenberg lernen, und in halbwegs richtiger zeitlicher Abfolge veröffentlichen sollen. Fortan gelobe ich temporale Richtigkeit (mit kleinen Schummeleien):

Aphorismus (1): Der Aphorismus ist das Atom der Dialektik.

Genie (1): Die Wirklichkeit ist eigentlich recht einfach. Man darf nur den fatalen Fehler nicht machen, zu glauben, sie sei so primitiv, wie das Bild, das wir von ihr haben.

Romantik (2):Das Elend des Affektes ist, daß alle ihn wollen und niemand sich zu ihm bekennt. Das Elend der Welt aber vergrössserte sich gewaltig, wenn es umgekehrt wäre.

Versmaßgaben: Der Vers zwingt zur Präzision. Seine Herrschaft adelt seine Knechte.

Anderswelt:Verschwörungstheorien und Sprachrelativismus entstehen aus der gemeinsamen Sehnsucht – Furcht? – dass alles auch „ganz anders“ sein könne.

Verständlichkeit (1): In der Regel wird man von seinen Feinden besser verstanden, als von seinen Freunden. Oder so: Eine Idee wird in der Regel von ihren Kritikern besser erfasst, als von ihren Apologeten.

Möglichkeit & Wirklichkeit: Das Leben ist wirklich ein riesengrosses Geschenk! So groß, dass man bis zum Grab mit auspacken beschäftigt ist.

So müsste es gehn: Kauft nicht beim Kapitalisten!

Häufigste Todesursache: Tod durch Alltag.

Kunst (2): Kunst ist, wenn mit möglichst speziellen Mitteln möglichst allgemeines bedeutet wird. Wissenschaft ist, wenn mit möglichst allgemeinen Mitteln möglichst spezielles bedeutet wird.

Buch und Film: Ein Buch trinkt man, in einen Film taucht man ein.

Holocaust: In Dt. sind die Täter, in New York die Opfer. Dort redete man unablässig, hier schwieg man unablässig. Nun ist Generationswechsel: Hier beginnt man zu reden, dort beginnt man, es satt zu haben. Das ist die Dynamik des historischen Gossip: Langsam verebbende Wellen.

Politik: Politik ist die Kunst des Schuldigenfindens.

Aphorismus (2): Ein Aphorismus kann alles sein, außer falsch.

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Nachdenklichkeiten

Wirklich schwarzer Humor

(c) William B. "Bill" Watterson II

Nachts, wenn die Sterne trautlicht funkeln: Wenn kein unnützer Laut uns von der Gewissheit der eigenen Existenz ablenkt, wenn wir uns Angesicht zu Angesicht mit dem sich fortwölbenden Unermesslichen finden, und, gleichsam verdunstend, selbst zu einem göttlichen Beobachter werden, wir: oben tronend und alles durchwirkend, die Welt: vor uns hingebreitet, in uns aufgesogen; wenn wir in diesen somnambulen Zustand der Nachtentrückung geraten, na, was denkt da wohl die Hälfte von uns? Weiterlesen

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Kindergeschichten

Karola Mistkäfer (1)

Vorgeschichte: Ein Mistkäfer am Nordpol

Erstes Kapitel: Ein Postbote bewahrt Haltung

Eckart Ton war ein frohgemuter Postbote und ließ sich auch von Frau Setzei nicht die Laune trüben. „Tach, Frau Setzei!“, lachte er über sein glänzendes Postbotengesicht, „Päckchen für Sie.“
„Aha.“, brummte Frau Setzei. „Geben Sie her!“ Sie war im Ort als schroffe Person bekannt.
„Wollen Sie denn gar nicht wissen, von wem es ist?“, erkundigte sich Eckart Ton.
„Nö.“, versetzte Frau Setzei, „ich weiß es ja schon.“
„Ach.“, machte Eckart mit enttäuschtem Ton.
„Von meinem Mann, dem Smutje Setzei.“, fuhr Frau Setzei fort. „Sie sehen doch: Es ist stark bereift.“
Tatsächlich war das Päckchen mit grauglitzerndem Rauhreif überzogen. Unter den schimmernden Wasserkristallen war zu lesen: „Nach Erhalt UNVERZÜGLICH öffnen!“ „UNVERZÜGLICH“ stand in grossen Lettern und unterstrichen.
„Treibt sich am Nordpol herum“, grantelte Frau Setzei, indem sie Eckart Ton die Haustür vor die Nase stiess, „und macht mir eine Hektik, als wäre ich sein Küchenjunge.“ Es mochte wohl berechtigt sein, dass sie für schroff galt.
Eckart Ton rieb sich die verhauene Nase, bestieg sein gelbes Postrad und fuhr damit quer über Frau Setzeis Rabatten davon. Wenn sich seine Laune durch Frau Setzeis Betragen vielleicht doch um ein winziges geschrägt hatte, so wurde sie durch diese Tat wieder ganz und gar ins Lot gehoben.

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Gedichte

Dezenniumsgruss

IRREN IST KOMISCH

Ich habe gelacht, nun spüre ich Reue.
Nie lach ich ohne Trift.
Der Grund des Lachens ist, dass es
Auf alle Gründe schifft.

Wasserabschlagend & herzinniglichst verbunden ein maselreiches Jahr wünschend,
Ihre Ina
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Mit fremden Federn

Mit fremden Federn (in der Art von St. Lem): Stirn und Dominiak ersinnen den idealen Staat

Stirn und Dominiak waren stark im Denken begriffen.

Innerhalb weniger Minuten waren sowohl das erste, als auch das zweite Flausen-Lemma niedergeworfen. (c) Heinz-Karl Bogdanski

Die unübertrefflichen Großdenker und Omnikreateure Stirn und Dominiak hatten beschlossen, das Problem des idealen Staates ein für alle mal zu lösen. Stirn saß, den Blick starr auf das weiße Blatt vor ihm, an einem winzigen Tischlein. Auf dem fand gerade die Schreibmaschine Platz, in die er das Papier vor Tagen eingespannt hatte. Dominiak lief seit dieser Zeit auf und ab. Augenscheinlich waren beide stark im Denken begriffen.

Die Luft war erfüllt mit knisternden Wesenheiten, Gedanken und Inspirationen, die, durch den angestrengten Geist herbeigelockt, zu ungeheurer Dichte zusammengepfercht wurden. Nur so bestand Hoffnung, dass sie wechselwirkten und durch Rekombination und Permutation Neues ergaben.
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